Die paulinische und reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben

 

Aus: Gerhard Ebeling, Die zehn Gebote, Tübingen 1973, 188-190:

Aufs Schlichteste zurückgeführt, sagt diese Botschaft von der Rechtfertigung: Suche das, was dir letzten Halt und letzte Gewißheit gibt, nicht im Urteil der Mitmenschen über dich. Suche es ebensowenig im Urteil des eigenen Herzens. Suche es erst recht nicht als bloße Bestätigung deiner Einbildungen von Gott her. Glaube seinem wahren und treuen Zeugen Jesus mehr als allen Stimmen um dich her und in dir selbst. Dieser Zeuge tritt nicht als Ankläger auf. Er tritt der Anklage entgegen. Nicht daß sie grundlos wäre. Wie berechtigt ist doch die Anklage, daß ich einer bin, der nicht in der Wahrheit ist, der sich nicht auf sich selbst verlassen darf, weil zu Lüge und Selbsttäuschung geneigt. Aber selbst diese berechtigte Anklage kann man nur so wahr sein lassen, indem man aus dem Irrglauben an sich selbst und an die trügerischen Urteile anderer die Kehrtwendung vollzieht zum Glauben an das zugesprochene Ja unbedingter, ewiger Liebe. Dieser Freispruch von uns selbst ist zugleich Freispruch von allen Anklagen gegen uns. Er hebt uns über die Prozeßsituation hinaus. Wer glaubt, wird nicht gerichtet. Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Dem Verkläger ist das Recht an uns genommen. In Fülle drängen sich Anspielungen neutestamentlicher Sprache auf, in denen sich die Wahrheit des Glaubens auf das eine konzentriert: Wir sind um Jesu willen Freigesprochene.

Als Freigesprochene sind wir zwar nicht mehr halt- und hilflos der Prozeßsituation des Lebens ausgeliefert. Aber wir sind ihr nicht in der Weise entnommen, daß wir nicht gerade in ihr unsere Aufgabe zu erfüllen hätten. Statt als Lügenzeugen als Wahrheitszeugen. Mit dem Mut, auch unbequeme Wahrheit auszusprechen. Mit der Einfalt, ohne Hintergedanken den Mitmenschen zugute in den Prozeß des Lebens einzugreifen und eine Atmosphäre der Freiheit von Illusionen und Zwängen zu verbreiten. Mit der Vollmacht, Böses mit Gutem zu überwinden, alles zum Besten zu kehren, Versöhnung und Frieden zu stiften. Und so, wie Luther kühn sagte, dem andern ein Christus zu werden, ein treuer und wahrhaftiger Zeuge.